dramen

Mittwoch, 4. November 2009

die heilige johanna der schlachthöfe

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Eine Hommage an das Alien, das doch anderswo landete.

Sonntag, 22. Februar 2009

blutsturz in semmelweiß

Der gepolsterte Op-Tisch hat die Form eines Kreuzes. Die Anästhesistin knöpft mir das Nachthemd im Nacken auf, während der Chirurg irgendwo zwischen meinen Beinen verschwindet. Sie klebt Elektroden an meine Brust, bedeckt schambewußt sogleich die freigelegte Blöße, als meine Hülle unerwartet etwas tiefer rutscht.

„Ob mir der Busen raushängt, ist in Anbetracht dieser surrealen Situation eigentlich nebensächlich. Ich befinde mich nicht gerade in einer klassischen Position um neue Leute kennenzulernen.“ sage ich. Der Operateur hantiert tief unter meinen gespreizten Schenkeln. Die Op-Schwester grinst unsicher. „Grüß Gott!“ sag ich. Die Anästhesistin kichert.

Ruhe sickert durch meine Venen und bald ist alles egal. Aber das ist es schon längst.

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„Zeigen sie ihr es doch im Aufwachraum, wenn sie sich daran erinnern kann.“ Die Stimme der Narkoseärztin durchdringt selbst das Nichts.

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Drei Betten stehen in dem Raum, ein Paravent schirmt meine neugierigen Blicke auf die anderen Frauen ab. Am rechten Zeigefinger trage ich eine schwarze Plastikklammer. Von dort aus werden Herzfrequenz und Blutdruck auf den Monitor neben mir übertragen. Ich klemme mir das Ding auf die Nase, vielleicht kann ich so einen Herzstillstand simulieren.

Liegen langweilt mich. Im Schneidersitz trotze ich allem was da noch kommt. „Legen Sie sich wieder hin!“ befiehlt die Schwester. „Ich muß aufs Klo.“ „Sie dürfen noch nicht aufstehen. Kreislauf. Sie haben starke Blutungen. Ich kann ihnen aber einen Nachttopf bringen.“ „Nein, danke. Ich habe wenige Schamgrenzen, aber das ist definitiv eine davon. Haben sie was zu lesen?“
Ich bin eine renitente Patientin. Niemals Opfer sein. Ich trotze weiter.

Ich warte, warte, warte. Auf das Endgültige.

Eine Schwester kommt auf mich zu. Fürsorglich bestimmt. Sie weiß, dass mir das nicht gut tun wird. Dass ich den Anblick nicht ertragen werde. Dass mein Ansinnen keinen Sinn macht. Ich weiß es besser.

Ich habe einen Brief geschrieben. Gestern. Damit sie es mir nicht nehmen können. Eine schriftliche Anweisung, die zu meinen Patientendaten geheftet wird. Einen Wunsch, den sie nicht ignorieren können, nicht übersehen, nicht vergessen in der Hektik des Operationsalltags.

Endlich akzeptiert die Schwester, dass ich nicht umzustimmen bin. Im Gehen sieht man ihr an, was sie von meiner Forderung hält. Wozu ein solcher Aufwand? Für sie ist es Normalität, fünf, zehn, vielleicht sogar mehr. Täglich. Für mich gibt es nur dieses eine. Heute.

Schließlich kehrt sie zurück. Sie trägt es am Arm. In ein Handtuch gehüllt. Um anderen den Anblick zu ersparen.

Es ist der Auffangbehälter des Absauggerätes mit dem man mich alleine lässt. Grobe Gewebefetzen, Blut, Schleim, Spülflüssigkeit. Es lassen sich keine Details ausmachen. Man hat das Kind püriert.

Ich schüttle den Becher, drehe ihn nach allen Seiten, bestaune die Klumpen gestockten Blutes, die gallertige Masse, aus der einmal ein Mensch hätt werden können. Irgendwo darin schwimmen die Reste eines Herzens, das bis vor drei Wochen geschlagen hat.

„Es tut mir leid, aber ihr Kind ist tot.“ hat man mir gesagt, tags zuvor beim Ultraschall. „Keine Herzaktivität mehr. Es ist auch nicht mehr gewachsen in den letzten Tagen.“ Verhaltener Abort. Ich hätt es gern behalten. Trotzdem.

Ich muss mich von dem Kind im Becher trennen, es der Wissenschaft überantworten. Gewebeproben im Labor, danach Entsorgung. Dabei hätt ich es gern begraben und mit ihm das Gefühl, dass das alles irgendwie zu schaffen sei.

Ich sag dem Becher Lebewohl und alles ist wie früher, aber nichts mehr wie es war.

Donnerstag, 29. November 2007

i will start again, a million* miles away...


nine inch nails - hurt
"Oh, du mein Fallada, da du da hangest"
"Oh, du Jungfer Königin die du gangest, wenn das deine Mutter wüßte, das Herz tät ihr zerspringen."

Wir bestiegen den schwarzen Schönen, damit er uns ein allerletztes Mal hineinträgt ins Nebelloch unserer Erinnerungen. Doch der Schinder wetzt bereits das Beil. Ausgeschlachtet wird er werden, der Edle, den wir nicht mehr zu ernähren vermögen.
Uns wurd`s ganz beklommen ums Herz, als wir vorhin seine dampfende Flanke zum endgültigen Abschied tätschelten.

Der Elfenbeinturm in Schutt und Asche, unsere Existenz in Trümmern - es blieb uns keine Wahl mehr, als die kopflose Flucht. Zumindest jene Prophezeihung wird sich nun jedoch nicht erfüllen:
...ich werde alsdann vom mönchsberg springen, eines meteoriten ebenbürtig, neben der pferdeschwemme einschlagen und einen tiefen krater hinterlassen - nicht nur im japanischen sozialgefüge (eine vorurteilsbehaftete aussage, gewiss).
es wird eine wolke emporsteigen, voll der konzentrierten frustrierten energie. der himmel über salzburg wird sich verfinstern und hell wird`s nimmermehr. fortan wird meine zerplatzte körperlichkeit widerborstig, klebrig umliegenden gemäuern anhaften und saure enttäuschung sich durch den stein fressen. versprengte gedankenpartikel werden die luft verpesten und eine niegekannte düsternis sich in den gehirnen der stadt einnisten.

Fort, fort, nur fort von den Bergen. Sie mögen, aus sicherer Distanz bestaunt, recht dekorativ sein, doch schlug uns diese voralpine Kitschkulisse schon immer auf das Gemüt. In den Häuserschluchten der wirklichen Welt scheint die Fallhöhe geringer - wir sind ja reichlich tragödienübersättigt. Ein Dasein als Gänsemagd ist vielleicht, wenn schon nicht rühmlich, so doch überschaubar, in Hinsicht auf seine Dramenlastigkeit.

Achwas, vermaledeite Schwarzseherei! Wir haben uns doch bislang noch jede Kutsche aus dem Dreck ziehen lassen.

*Naja, 198, 83 Meilen, in Wahrheit

Montag, 26. November 2007

morgen, ja morgen, fang' i a neues Leben an

umzug2
und wenn net morgen, dann übermorgen, oder zumindest irgendwann

Dienstag, 20. November 2007

mögest du in interessanten zeiten leben...

Life is hard, and so am I


(You'd better give me something, so I don't die
Novocaine for the soul
Before I sputter out
Before I sputter out...)

Freitag, 26. Oktober 2007

future partyqueen

in ferner zukunft wird mein gegenwärtiges dilemma dazu nütze sein, ein ungläubiges staunen in die gesichter der unterhaltungssuchend beisammenseienden zu zaubern.

"ach, erzähl doch noch mal die geschichte, wie du wegen eines arbeitskollegen deine wohnung verloren hast" wird es heißen, alkoholschwere schenkel wird man klopfen. "spar auch den teil mit dem polizeieinsatz nicht aus!" werden sie fordern, die vergnügungssüchtigen, und ich werd mein lebensdrama ausschlachten, nicht an pointen und unvorhersehbaren wendungen sparen.

zu guter letzt wird herzlich, wenngleich doch auch ein wenig betreten, gelacht werden. prusten und grunzen werden die skeptiker, deren ablehnung nur mehr geringe schäden am filigranen schutzkorsett der humoristisch durchwebten offenlegung aller schwachstellen hinterlassen, genauso, wie diejenigen, die um die bitterkeit meiner schwänke wissen. ich werde mit ihnen lachen. wie schon zu oft davor.

aber noch steht mir der sinn nicht danach, existenzbedrohendes zur erheiternden anekdote zu erheben. man möge sich bis womöglich ende november gedulden.

und falls jemand jemanden kennt, der eine kleinwohnung in wien zu vermieten hat oder möbeltransporteurs- und speditionsgehilfen mit herz für resignierte frauen oder aber jemand weiß, wo man günstig ein anderes leben (gerne gebraucht, aber bitte nur mit normalen problemen - durchfall, liebeskummer, trauriger kontostand, etc.) herkriegt ...

Freitag, 6. Juli 2007

salto mortale

ich schlendere nicht, ich stolziere. wenn andere im regen den den kopf zwischen die schultern ziehen, wie bucklige nagetiere durch die fluten hasten, schreite ich durch das unwetter, trotze den gewalten, bis mir das wasser bis zum hals steht, die fassade aufweicht. dann rudere ich nicht oder klammere mich an strohhalme, stattdessen lasse ich mich ins ungewisse treiben.

haben sie schon einmal eine zukunft sterben sehen? meine hat gequiekt wie eine sau beim abdecker. ich hab sie fassungslos angestarrt, wie sie da so lag und zappelte und fiepte, die zukunft, die mir eben ins auto gerast war, sich vor meinen augen überschlug und dann zu boden krachte. supergau.

einzig die parkwächterin, an deren üppigen busen ich für zehn sekunden meiner panik freien lauf lasse, bevor die coolness as usual wiedereinsetzt, sieht hinter das wesen, das ich mir geschaffen habe. sie tätschelt meine hand, während man die nächsten jahre meines lebens, mein studium in den rettungswagen lädt. mir ist so eiskalt, wie sie mich einschätzen. ich müsste weinen, schluchzen und schreien, nicht haltung bewahren.

ich kann nicht mehr atmen seit diesem tag, nur flach nach luft schnappen.

der polizeibericht ist lückenhaft, die zeugin in ihrem tapsigen bemühen, meine unschuld zu beweisen, unglaubwürdig und die urlaubsvertretung des anwaltes bringt wenig erfahrung und kein auftreten mit.

arrogante lesbische künstlerin, ist die einschätzung derer, die über mich richten, die aussichtsloseste aller schubladen. den stolz wollen sie mir austreiben, weil ich zu aufrecht auf der anklagebank sitze, ich bin ihnen nicht opferlamm genug. "sie sind zu ehrlich" sagt mein verteidiger, der mir dabei zusieht, wie ich mich verteidige. strafrechtlich steht und fällt das urteil mit der stopptafel, einen freispruch gewährt man mir nicht, nur eine mögliche teilschuld. ein männchen ohne rückgrat spricht dinge, deren mangelnder wahrheitsgehalt nicht zur debatte steht.

sein ziviles wehklagen kostet mich meine träume. aus den schmerzen, die er sich selbst damit nicht verdient hat, dass er meine existenz bedroht, schlägt er nun profit.

"wissen sie, dass meine versicherung aussteigt?" raune ich dem krummen würmchen zu, als sein rechtsvertretendes selbstbewusstsein kurz ausstritt. "nicht weil ich betrunken war, oder sonstwie vorschriftswidrig gehandelt hätte, sondern weil der schlimmste alle möglichen und unmöglichen fälle eingetreten ist. meine versicherungsrate war nicht bezahlt. sie bedienen sich nicht an den geldtöpfen einer versicherung, sondern an meiner lebensgrundlage. ich kam von der bank, als der unfall passierte. der lohn noch immer nicht am konto, ein euro fünfzig restvermögen. ich wollte zu einem freund, mir geld borgen..."

für den rest der geschichte wäre er, der jetzt schon schwankt, nicht stark genug.

Mittwoch, 27. Juni 2007

die anfänge

die erste geschichte die ich je schrieb. die ich in allem überschwang über eine veröffentlichung in einem mittelklassigen provinz-onlinejournal, mich fünf minuten der illusion hingebend, etwas von bedeutung geschaffen zu haben, ausgerechnet dem agenturchef zu lesen gab, was mich sein vertrauen (das alte "wo endet dichtung und wo beginnt wahrheit" - problem) und in letzter konsequenz den job kostete. so viel waren diese zeilen definitiv nicht wert. mein themenspektrum hat sich seither nicht großartig verändert und noch immer setzt man gern das beschriebene ich mit dem schreibenden ICH gleich. manchmal berechtigt, manchmal nicht.

vielleicht sollte ich mehr über gänseblümchen schreiben, sonnenaufgänge und zuckerwatte, zumindest das schreckstarre "das ist doch autobiografisch, oder?" fiele dann weg. menschen die von blumen und dem wonnegefühl der ersten frühlingssonnenstrahlen, die nackte zehen kitzeln, berichten, vor denen hat man keine angst oder vermutet in jedem satz ein detailgetreues abbild der zerrütteten autorenpsyche.

achwas, selbst bei diesem text meinte kürzlich ein mir ehemals sehr zugetaner mensch "ein wenig gerührt, um nicht zu sagen be-rührt bin ich allerdings auch von der geschichte, da ich die vita der verfasserin kenne und an der einen oder anderen stelle erahne, wie das erlebte in die fabel einfloss." AAAAAAAAAAAAAH!

saisonal deplatziert, andererseits: spätestens nächsten monat gibt es bestimmt schon irgendwo schokonikoläuse zu kaufen


a christmas suicide: eine winterimpression, eine winterdepression

(ich erspare mir und ihnen interpretationsversuche, diesmal ist`s tatsächlich stark autobiografisch, allerdings so vergangen, dass ich`s bereits als fiktion betrachte.)

lebkuchen

Kopfschmerzen. Pochende Kopfschmerzen. Ich lieg im Bett. Allein. Gott sei Dank! - Ich kann also nicht so betrunken gewesen sein. Ich steh auf und suche meine Zigarretten. Lauf aufs Klo und kotze Gallensaft. Erinnerungsfetzen. „Ach du Scheiße!"

Das Telefon klingelt. Reinhard. „Na, du hast ja gestern ordentlich einen sitzen gehabt." Und er erzählt Dinge, die ich nicht glauben will. Ich halt mir die Ohren zu und summe laut vor mich hin. Ich könnt heulen. Vor lauter Scham muß ich gleich nochmal kotzen. Den Rest des Tages verbringe ich in einer Wolke aus Alkoholausdünstungen. Meine Mitbewohnerinnen sehen fern und trinken Bier. Ich hasse mich und trinke Wasser.

Niemand da, der mich festhält. Ich lieg im Dunkeln und warte. Auf nichts Besonderes - nur dass es aufhört - das Pulsieren in meinem Schädel, das sinnlose Besaufen, die Suche nach der wahren Liebe, alles. Ich möchte sterben - ja, sterben wär jetzt genau das Richtige.

Irgendwo in meinem Zimmer liegen noch 2 Packungen Antidepressiva - „Sie sind immer so traurig! Es braucht Ihnen nicht peinlich zu sein. Das hilft Ihnen wieder zu sich selbst zu finden" - 60 Portionen Glück im praktischen Spender. Meine aspiringeeichte Kehle schluckt folgsam und ohne Würgen.

Ich geh in die Küche und hole den Apfelkorn vom Schrank - unser Adventkalender. Feinsäuberlich ist die eineinhalb Liter Flasche mit 24 Strichen markiert und mit lustigen Weihnachtsmotiven beklebt. Ich nehm mir ein Glas, füll es an und trinke es in einem Zug leer, dann noch eins. Nach dem dritten wird mir übel. Vorsichtshalber gieß ich mir nochmal nach. Ich trinke langsamer und starre ins Küchenlicht. Ich warte ab, was passiert.

Sterben ist eigentlich schon Scheiße. Meine Mitbewohnerinnen sitzen im Wohnzimmer und trinken noch immer Bier, ich trink nun direkt aus der Flasche. Ich ruf Reinhard, den Kollegen, an und sag ihm, dass ich morgen nicht zur Arbeit kommen werd, dass ich jetzt wahrscheinlich ins Krankenhaus fahr, dass ich was Dummes gemacht hab. Er wird hysterisch. Ich leg auf und wähl die Nummer vom Notruf. Ich zieh mir die Schuhe an, steck meine Zigarretten ein und geh nach unten.

Draußen riecht es nach Schnee. Und Hundescheiße. „Wo ist sie? Haben Sie uns verständigt?" Ich klettere ins Rettungsauto. Meine Sozialversicherungsnummer kann ich auswendig. Die Sanitäterin fülllt ein Datenblatt aus und redet mir gut zu. Ich seh nur mehr verschwommen. An den Milchglasscheiben des Rotkreuzwagens zieht die Stadt vorbei. Bunte Lichter. Ich schlafe ein.

Ich lieg hinter einem grünen Vorhang aufgebahrt. Ich hab die Hände über dem Bauch gefaltet. Vielleicht bin ich jetzt tot? „...sollen wir den Magen auspumpen? ..Aktivkohle... wie alt ist sie?... solange der Kreislauf stabil ist... weiß jemand, was sie genommen hat?...ruf die Vergiftungszentrale an!...” „Ihr Freund möchte sie sehen!” Ich hab doch gar keinen Freund.

Reinhard schiebt den Vorhang zur Seite. „Ich habe behauptet, dass wir zusammen sind, sonst hätten sie mich nicht zu dir gelassen.” „Du und mein Freund? Nur über meine Leiche” sage ich und lache. Ich freu mich, dass ich Besuch hab und schlaf wieder ein.

„2,6 Promille” Ich klettere von meiner Liege. Reinhard ist nicht mehr da. Ich sag, dass ich jetzt eine rauchen geh. Eine Schwester setzt mich in den Rollstuhl, fährt mich auf den Gang hinaus und hilft mir, die Zigarette anzuzünden. Von irgendwoher kommt plötzlich irgendjemand und bringt mich irgendwohin.

Es ist dunkel. Eine Flügeltür zu einer anderen Welt. Stampfen. Pochen. Zischen. Ich bin in einer Maschinenhalle. Ich kann Musik sehen. Man trennt mir den linken Arm ab. Die Musik ist mein Herzschlag, ich beobachte den Monitor. Wenn ich will, kann ich mein Herz stehen lassen. Die Blutdruckmanschette pumpt sich wieder auf. Neben mir liegt etwas. Ein Cyborg. Er schnarcht - nein, das ist kein Schnarchen, er erstickt.

Die alte Frau wird die Nacht nicht überleben. Da stecken ja nur Schläuche drin. „Auf Wiedersehen, alte Frau, ich wünsch dir alles Gute.” Die Alujalousien. Ich zähle die Lamellen. Ich kontrolliere meinen Herzrythmus. Die Bludruckmanschette pumpt sich jede halbe Stunde auf. Drei mal, fünf mal, acht mal, zehn mal. Die Jalousie besteht aus 33 Teilen. 33, 33, 33, 33, 33. Herzrasen. Blutdruck 158 zu 60. Der Monitor macht ein neues Geräusch. Alarm. Ich versuche es nochmal.

Eine Frau kommt, mit Duschhaube, sie steckt dem Cyborg einen neuen Schlauch hinein. Ich will schlafen. SCHLAFEN. Eine Minute, zwei Minuten, achtundzwanzig Minuten, siebenundvierzig Minuten, die Frau mit der Duschhaube kommt wieder - ich glaube, sie mag mich nicht, zweiundfünfzig Minuten, neunundfünfzig Minuten, gleich pumpt sich die Manschette zum siebten Mal auf, dreiunddreißig, dreiunddreißig, hundertundvier Minuten, die alte Frau wird sterben, ich weiß es, hundertsiebzehn Minuten, zweihundertneununddreißig, nullachtfünfzehn, nullneunhundert, siebzehnachtzehn.

Es wird hell. Seit dreiundzwanzig Minuten. Die alte Frau lebt noch. Eine neue Frau mit Duschhaube kommt. Fünfundvierzig Minuten. Eine andere Frau kommt, ohne Duschhaube.

„Willst du etwas zu trinken?” Ich nicke und greife gierig nach dem Glas. Ich verschütte das Wasser auf meinem Bauch. Sie schenkt mir erneut Wasser ein. Diesmal hilft sie mir. Meine Zunge klebt am Gaumen. Die Frau verlässt mich, und ich weine. Es vergehen Minuten, Stunden, Tage, Monate. Sechs Uhr dreißig. Meine Frau kommt wieder. Sie gibt mir noch einmal zu trinken, dann streicht sie mir durchs schweißnasse Haar. „Warum hast du das gemacht? Jetzt so kurz vor Weihnachten. Wissen deine Eltern schon Bescheid?"

Sie schwankt ein bißchen, vielleicht hat sie getrunken. Der ganze Raum hat getrunken. „Warum sollen meine Eltern Bescheid wissen müssen?” sage ich so deutlich wie ich nur kann. Ich muß es dreimal sagen. „Du bist doch noch minderjährig, da müssen wir sie schon verständigen!” Ich bin 22. Die Frau ist mir sympatisch.

Es wird hektisch. Immer mehr Duschhaubenträger platzen herein. Die synchrone Symphonie der Maschinen geht unter in biologischer Geschäftigkeit. Die alte Cyborgfrau wird gewaschen. Ärzte kommen. Sie wollen Antworten. Ich will doch nur schlafen. Ich sage, dass es eine idioische Aktion war und ich nicht genau weiß, warum ich es gemacht habe. Die Frau ohne Duschhaube zieht mich an. Danach entlässt man mich aus der Intensivstation.

Zivildiener kommen, um mich abzuholen. „Hat jemand von euch eine Zigarette?” frage ich die beiden. Einer sieht die ganze Zeit weg. Mir ist es auch peinlich. Wir hatten mal was miteinander. Sein Kollege gibt mir eine Marlboro. Ich kann kaum aufrecht stehen, aber ich will nicht, dass sie mich stützen. Ich rauche hastig. Ein paar Schneeflocken tanzen vom Himmel. „Weiße Weihnachten” denk ich und steige in den Rettungswagen.

Dienstag, 12. Juni 2007

puddingfrau und lumpenkind

Fäden geschmolzenen Käses hängen mir aus dem Mund. „Möchten sie eine Zeitung kaufen?“ fragt mich der blasse, pummelige Junge und hält mir zerfledderte Blätter unter die Nase. Im trüben Licht der Laterne kann ich „Gratisausgabe“ entziffern. „Nein“ schmatze ich „Möchtest du ein Stück Pizza?“ Er nickt und setzt sich neben mich auf die Bank.

„Ziemlich spät“ stelle ich kauend fest und reiche ihm die Hälfte des Teigfladens. Tonno mit extra Ananas. Spezialanfertigung vom Pizzamann meines Vertrauens. Hastig schlingt er die Mahlzeit hinunter, dann steht er auf, wühlt in den Taschen seiner Jean, die ihm um mindestens zwei Nummern zu groß ist, zieht ein zerknülltes Päckchen Zigaretten hervor und steckt sich eine an. „Wie alt bist du?“ frage ich ihn. „Vierzehn“ sagt er trotzig. „Gut gehalten, ich hätte dich auf höchstens elf geschätzt“ entgegne ich.

Wir mustern uns. „Monika“ sag ich und strecke ihm meine fettige, mehlige Hand entgegen, ziehe sie kurz zurück, um mir die Reste von den Fingern zu lecken, mich mit der Serviette abzutrocknen. „Rene“ antwortet er und schüttelt meine nunmehr saubere Hand. Seine Bewegungen sind ungelenk wie die eines Kindes, aber die Art und Weise wie er seine Zigarette hält, ist bereits beeindruckend lässig.

Die letzte Straßenbahn rattert ums Eck. „Gute Nacht Rene!“. Er folgt mir.

Nachts wirken die Straßenbahngarnituren noch verwahrloster als tagsüber. Unser Abteil ist leer, nur ein paar Glasflaschen rollen klirrend am Boden, als sich die Bahn in Bewegung setzt. „Was machst du jetzt?“ fragt er mich und ich höre, was er nicht ausspricht. „Junger Mann, die Frage lautet wohl eher, was du jetzt machst? Um ein Uhr morgens durch die Stadt zu laufen und Leute um Geld anschnorren ist ein ziemlich dämlicher Plan. Hast du denn kein Zuhause?“ Ich bemühe mich oberlehrerhaft zu klingen, dabei stelle mir vor, ich würde Brille tragen und hätte mein Haar streng nach hinten gekämmt. „Vielleicht schlafe ich bei einem Freund.“ sagt der Junge kleinlaut. „Weiß der von seinem Glück?“ frage ich. „Warum fährst du nicht heim?“

Nun wirkt er noch jünger als er vermutlich ist und erzählt wirre Geschichten von seinem Vater und der toten Mutter. Das wenige, das ich glaube, macht mich traurig genug. Ich muss an der nächsten Haltestelle raus. „Na gut“ beantworte ich seine stille Bitte „dieses eine Mal. Nur heute. Das muss dir klar sein! Einmal und nie wieder!“

Er hat etwas hündisches an sich, als er hinter mir hertrottet. Die Wohnanlage ist modern, viel zu nobel, als dass ich es mir wirklich leisten könnte, hier zu leben. Meine Vermieterin kann es sich auch nicht leisten, deshalb teilen wir uns die Wohnung. An den Wochenenden ist sie meist am Land, die Katze nimmt sie mit. Zumindest fließend Wasser und Strom haben wir, alles andere ist Baustelle. Ich weiß nicht ob sie es jemals schaffen wird, sich wirklich häuslich einzurichten, meine Tage hier sind gezählt, ich werde fortgehen, nur gesagt hab ich ihr das noch nicht. Ich zeige Rene mein Zimmer. Ich erzähle ihm von der Katze, die nur auf das Wort „Fisch“ hört.

„Ich geb dir ein paar frische Sachen zum Anziehen, aber vorher solltest du baden gehen“ schlage ich ihm vor. „Du stinkst.“ Ich lasse ihm ein Schaumbad ein, lege ihm saubere Kleidung und ein Handtuch hin, dann lass ich ihn allein. Ich würde gerne Musik hören, aber Grete hat nur Kassetten mit klassischer Musik. Davon werde ich nervös. Ich höre Rene plantschen. Seine ausgetreten, alten Schuhe kann ich bis in die Küche rieche, also besprühe ich sie mit Deo. Größe 42, die können nicht ihm gehören, genausowenig wie die überlange Hose und der Pullover in dem er fast verloren geht.

„Kann ich kurz ins Bad, deine Sachen holen, die müssen dringend gewaschen werden“ ruf ich ihm zu, er öffnet mir die Tür, trägt bereits mein T-Shirt und die Boxershort. Wir haben keine eigene Waschmaschine, aber es gibt einen Waschsalon im Hof, dort kann ich auch nachts meine Wäsche waschen. Er möchte mitgehen. Ich leihe ihm meinen Mantel und eine Haube, wegen der nassen Haare, mir nehm ich ein Bier mit.

Während seine dreckigen Socken, die Jean und der ausgeleierte Pullover ihre Runden drehen, hocken wir auf den beiden übrigen Maschinen. „Was machst du sonst so, wenn du nicht grad von daheim abhaust?“ frage ich ihn und öffne mein Getränk. „Wie sieht`s aus mit Schule?“. „Ich gehe nicht mehr zur Schule“ „Natürlich, mit elf ist man ja schon praktisch erwachsen und braucht dort nicht mehr hinzugehen.“ erwidere ich spöttisch. Er wird zornig:“Ich bin vierzehn, hab ich doch gesagt.“ „Und ich bin hundert“ Ich grinse.

Eine zeitlang sitzen wir schweigend da, lassen die Beine baumeln, ich trinke Bier. „Hast du einen Freund?“ fragt er mich unvermittelt. „Nein“, sage ich der Einfachheit halber, mir ist nicht danach Definitionen zu suchen, komplexe Sachverhalte zu erklären. „Und du, hast du eine Freundin?“. Natürlich lügt er mich an. Sex hätte er auch schon gehabt, erzählt er. „Echt? Sex hatte ich noch nie.“ Diesmal bin ich es, die lügt. Sein erstaunter Blick belustigt mich. „Aber“ stammelt er „du bist doch schon alt.“ „Naja, hundert bin ich in Wirklichkeit nicht, erst zwanzig, zwanzig ist noch nicht alt.“ Aus Kinderaugen starrt er mich an. „Weißt du, ich hab doch noch nie Sex gehabt“ murmelt er. „Es gibt wichtigeres im Leben“ Die altkluge Rolle fängt an mir zu gefallen. „Zum Beispiel, ob du noch Hunger hast?“ Rene nickt zaghaft. Er wirkt müde.

Ich packe die feuchte Wäsche in einen Sack und wir gehen wieder nach oben. Nachdem ich die Sachen zum Trocknen aufgehängt habe, inspiziere ich den Kühlschrank. „Brot oder Pudding? Mehr hab ich leider nicht hier.“ „Pudding“ murmelt Rene, der nun am Balkon sitzt. Also rühre ich Puddingpulver mir etwas Zucker und kalter Milch an, erhitze die restliche Milch, die sonst nur die Katze trinkt, im Topf. Wenige Minuten später steht dampfende Vanillecreme am Tisch. „Magst du etwas Himbeersirup dazu?“ Rene nickt wieder und schaufelt Pudding in sich hinein.

In der Zwischenzeit durchstöbere ich oberflächlich Gretes Zimmer, irgendwo muss sie eine Menge Kinderbücher lagern, falls ihre Patenkinder zu Besuch kommen. Ich finde nur „Wo geht’s hier nach Panama“ von Janosch. Das mochte ich früher selber gerne.

Rene wankt vor Müdigkeit als ich ihm die Gästematratze vorbereite. Er kuschelt sich an das geblümte Kissen und lauscht mit kindlicher Hingabe der Geschichte, die ich ihm vorlese. Bereits nach drei Seiten ist er eingeschlafen.

Er träumt unruhig, dreht und wendet sich, schlägt um sich, einmal ruft er „Mama“. Ich finde noch lange keinen Schlaf.

Am späten Vormittag muss ich zur Arbeit, Rene nehme ich bis zur letzten Haltestelle mit. Dort wo wir uns gestern getroffen haben. „Nochmal kannst du nicht bei mir bleiben, aber wenn du mal in Schwierigkeiten steckst, ruf mich an.“ Zumindest das kann ich ihm anbieten. Er schenkt mir zum Abschied ein Feuerzeug, das aussieht wie eine Pistole.

Ich erzähle meiner Arbeitskollegin von der vergangenen Nacht. Sie schreit mich an. Ob ich komplett den Verstand verloren hätte. „Die können dich wegen Verführung Minderjähriger drankriegen“ brüllt sie. „Dass du dich überhaupt mit solchem Gesindel abgibst. Aus dem wird doch nie was.“
„Natürlich nicht. Weil solchen Kindern keiner eine Chance gibt. Aber vielleicht hat er nun wenigstens eine schöne Erinnerung.“ Die Kollegin zetert und schimpft und ist den Rest der Woche nicht gut auf mich zu sprechen. Es ist ohnehin meine letzte Woche hier.

Ich erzähle niemandem mehr von dem Jungen oder davon, dass ich glaube, seinen Vater gesehen zu haben, einen alten, dicken, schäbigen Mann, mit unzähligen geplatzten Äderchen auf der Nase, wie es bei Säufern oft vorkommt, der das Lokal betrat und mich beobachtete. Er trug den selben Pullover wie Rene.

Die Kollegin erzählt mir später, als ich bereits die Stadt verlassen habe, Rene sei immer wieder an die Bar gekommen und habe nach mir gefragt, anfangs hätte er jedesmal eine Rose dabeigehabt. Irgenwann reisse ich die Brücken hinter mir vollends ab, zuviele Erinnerungen die ich nicht haben möchte.

Es dauert fünf Jahre bis ich zurückkehre, beruflich, kurz nur. Ich spaziere abends am Fluss entlang, als mich ein junger Bursche anspricht. Das Übliche. Ob ich Drogen kaufen möchte. Ich erstarre. „Rene“ sage ich mit einer Bestimmtheit, die mich überrascht, ich hatte nicht gewusst, dass ich nach all den Jahren seinen Namen noch kenne. „Du bist die Puddingfrau!“ antwortet er verwundert, doch ohne Zögern. Nun ist er ehrliche sechzehn.

Ich gehe weiter, betrete das erstbeste Lokal und betrinke mich.

Donnerstag, 31. Mai 2007

deus ex machina

Sie war alleine in diese fremde Stadt gekommen. Ihre Kleidung war durchnässt und sie fror. Ohne genaues Ziel lief sie zwischen den Betonruinen eines ehemaligen Industrieviertels umher, hungrig und müde. Vor ihr eine aufgelassene oder vielleicht nie in Betrieb genommene U-Bahnstation. Sie stieg die Stufen hinab, auf der Suche nach einem trockenen Platz um auszuruhen.

“Bleiben sie stehen!“ Eine Militärpatrouille, etwa zwanzig Mann, die Maschinenpistolen geschultert, versperrte ihr unvermittelt den Weg. Sie wich einen Schritt zurück, spielte kurz mit dem Gedanken davonzulaufen. „Was haben sie hier zu suchen?“ Sie konnte keine Antwort darauf geben, sie wusste nicht einmal, wie sie überhaupt hierher in diese kalte Stadt gelangt war. „Hände an die Wand und Beine breit!“ bellte ein Soldat. Zögernd kam sie dem Befehl nach. Grobschlächtige Hände tasteten unsanft über ihren Körper. Von irgendwoher hörte sie ein anzügliches Lachen. Sie war kein zorniger Mensch, auch nicht besonders leichtsinnig, doch plötzlich stieg Wut in ihr hoch. „Was hab ich denn verbrochen, dass ich hier festgehalten und betatscht werde ?! Ich will sofort wissen wer ihr diensthabender Kommandant ist!“ Die Menge teilte sich und ein untersetzter Mann mit kahlgeschorenem Schädel trat nach vor. In dem Moment wünschte sie, sie hätte nicht auch noch gebrüllt „...ich will zumindest seine verdammte Dienstnummer!“. Der Mann hatte mitten auf seiner Stirn ein Hakenkreuz tätowiert. In seinem Blick lag Wahnsinn. Er musterte sie eingehend, spuckte verächtlich, dann lachte er aus vollem Halse. „Ich habe das Kommando. Nicht nur über diese Einheit, sondern über die ganze Stadt. Über die gesamte Stadt wurde eine Ausgangssperre verhängt. Einen Verstoß dagegegen werde ich nicht dulden.“ Er zog ein zerknittertes Päckchen Zigarretten aus der Brusttasche seiner Uniform, zündete sich eine an, nahm ein paar tiefe Züge bevor er weitersprach: „Natürlich könnte ich dich gleich hier erschießen. Aber wo bleibt da der Spaß für uns? Ich will deiner angsttriefenden Spur folgen, dich jagen bis du um Gnade winselst, bis du dir wünschst, dass ich dir endlich die Pistole an die Schläfe setze und dich von deiner Qual erlöse. Vivere est militare! Also lauf, wir werden uns bald wieder sehen!“.

Und sie lief. Ohne zurückzublicken hastete sie über Treppen, durch leere Gänge, vorbei an zerborstenen Fensterscheiben, eingestürzten Mauern, durchquerte einen stillgelegten U-Bahnschacht. Der Geruch von Ratten, Fäulnis und Tod lag hier überall in der Luft. Fluoreszierende Schimmelpilze spendeten kaum wahrnehmbares fahles, krankes Licht. Regenwasser sickerte durch unzählige Risse im Stahlbeton. Ihr Puls raste. Sie stolperte und erbrach sauren Schleim. Irgendwann gelangte sie aus dem Tunnelsystem hinaus in die bedrohliche Düsternis der herannahenden Nacht.

Graue Häuserschluchten ringsum. Heerscharen von olivgrünen Gefolgsleuten entrollten stumm Transparente mit SEINEM Bild. Die Straßen wie leergefegt. Der Alltagslärm war dem Prasseln des eisigen Regens und dem Klang schwerer Stiefel im Gleichschritt gewichen. Vereinzelt flackerten Leuchtreklamen und tauchten das Viertel in das Schwarzlicht einer Totendisco.

Ähnlich einem panischen Nagetier mied sie offene Plätze und suchte geduckt Zuflucht in den Schatten baufälliger Häuser. In einer dunklen Seitengasse zwängte sie sich in den Spalt hinter einem Müllcontainer. Der Himmel über der Stadt war erfüllt vom Brummen aberhunderter Rotorblätter. Suchscheinwerfer ließen die Umgebung für kurze Momente taghell erscheinen. Sirenen heulten unentwegt. Sie wusste nicht woher sie kam und wohin sie wollte.

Sie lugte aus ihrem stinkenden Unterschlupf hervor. An einem Gebäude auf der anderen Straßenseite lag eine rosa Neonschrift in den letzten Atemzügen. „GAY SEX SHOP“. Ein unausgereifter Gedanke stieg in ihr hoch und mobilisierte die wenigen verbliebenen Kräfte. Sie rannte.

Die Eingangstür des Shops war unversperrt. Sie tastete nach einem Lichtschalter, hielt dann jedoch inne und durchwühlte ihre Taschen auf der Suche nach Feuer. Die kleine Flamme spendete gerade so viel Licht, dass sie das Chaos ringsumher wahrnahm. So als hätten die Besitzer eilig das Weite gesucht. Einen Rollständer behängt mit Nietengürteln und Ledermasken schob sie hektisch zur Seite. Das Gefährt stieß gegen ein Wandregal und löste ein Dildodominospiel aus - Kartons mit genoppten, eingefärbten oder abnorm großen Kunstschwänzen stürzten donnernd hinter ihr zu Boden, während sie sich den Weg in den rückligenden Teil des Geschäftes bahnte. Dort fand sie wonach sie suchte: Hastig wühlte sie sich durch Polizeiuniformen und Bomberjacken. Die sengende Hitze das Feuerzeuges hatte ihre beiden Daumen in schwelende Fleischklumpen verwandelt. Ihr Griff war unsicher, doch vor Erschöpfung spürte sie keinen Schmerz mehr. Mühsam entzifferte sie im Halbdunkel die Kleidergrößen auf den Ettiketten.

Sie schlüpfte aus ihren schmutztriefenden, nassen Kleidern und begann ein Baumwollhemd in Streifen zu reißen. Sie war zwar nicht besonders groß, aber ihre Schultern waren für eine Frau ungewöhnlich breit, ihr Becken dafür schmal und auch ihre Stimmlage sehr tief. Sie würde also ohne weiteres als junger Mann von kleinem Wuchs durchgehen. Mit den Stoffstreifen bandagierte sie ihren Busen so fest, dass es ihr ins Fleisch schnitt und zog dann eine der Militäruniformen über. Am Kassentisch fand sie ein paar Handschellen und eine Taschenlampe. Die Registrierkasse stand offen, jemand hatte sie in aller Hast geleehrt, in einem unteren Fach lagen allerdings noch einige wenige Geldscheine.

Sie fand nichts mehr das von Nutzen für sie gewesen wäre und verließ den Laden. Ihr Blick fiel auf die trüben Schaufenster in denen sie sich spiegelte. Ihr Äußeres wirkte täuschend männlich, bis auf die strähnigen langen Haare.

Sie schlich durch einige Seitenstraßen, immer im Schutz der Mauern, voll der Angst entdeckt zu werden. Alles was sie hörte war Krieg, vereinzelte Maschinengewehrsalven und der höhnische Motorenlärm von kreisenden Helikoptern. Niemand der bei Verstand war, befand sich um diese Zeit hier draußen, selbst die streunenden Hunde und Katzen schienen verschwunden. Nur Ratten und Soldaten.

Vor einem heruntergekommenen Friseursalon machte sie Halt. Die Fenster waren von innen her zugeklebt, kein Laut drang heraus. Dennoch klopfte sie heftig gegen die Scheiben. Sie hörte ein Schaben, als jemand versuchte, die Wellpappe zur Seite zu schieben um herauszuspähen. Ein alter Mann in einer weissen Schürze öffnete vorsichtig die Tür einen Spaltbreit, betrachtete sie lange und ließ sie schließlich ein. Sie folgte ihm. Der langgezogene Geschäftsraum war schäbig und abgenutzt, an der Wand hingen beinahe blinde Spiegel und abgegriffene Schwarz-weiß Fotografien von längst aus der Mode gekommenen Frisurenmodellen. Im hinteren Teil des Raumes standen einige Trockenhauben, Relikte einer vergangenen Zeit. Shampoos und Haartinkturen in dunkelbraunen Glasflaschen stapelten sich an den Wänden und auf einem kleinen Tischchen stand ein Gefäß mit Rasierschaum, Pinsel und Rasiermesser. Erst jetzt bemerkte sie, dass auf den Friseurstühlen einige alte Damen mit ungeheuerlichen Fönfrisuren kauerten. Manche wimmerten, andere wippten beständig auf und ab, als würden sie sich selbst in den Schlaf wiegen. Niemand sprach ein Wort. Im Hintergrund lief ein antikes Fernsehgerät ohne Ton und strahlte Propagandabilder in den Raum. „Sie müssen mir die Haare scheren“ bat sie. Der alte Mann hieß sie Platz nehmen. Mit einer rostigen Schere stutzte er ihre fettigen Locken streichholzkurz, dann schäumte er ihren Kopf ein und kratze ihr bedächtig mit dem Rasiermesser über den Schädel. Mit einem alten Frotteetuch polierte er die Glatze und ein zaghaftes Grinsen huschte über seine eingefallenen Mundwinkel. Ihr Blick glitt hinüber zum Spiegel und sie erschrak, so komplett war die Verwandlung.

„Wir wissen wer sie sind“ sagte er „die Nacht über können sie hier bleiben, doch dann möchte ich dass die verschwinden.“ Er schlurfte hinüber zu einer kleinen Tür, verschwand in einem Hinterzimmer und kam erst einige Zeit später wieder, mit einer Tasse Tee und einem Teller voll Keksen. Dankbar nahm sie die Mahlzeit an, lehnte sich in eine Mauernische und fiel dann in einen unruhigen Schlaf voll nächtlicher Schreckgespenster.

Als sie erwachte, war sie alleine. Jemand hatte sie mit einem Friseurkittel zugedeckt, ihr zuvor noch die Schuhe ausgezogen und mit Zeitungspapier ausgestopft zum Trocknen weggestellt. Neben ihr stand ein Glas Milch, ein neuer Teller mit alten Keksen und ein Zettel mit der ungelenken Aufschrift: „Verlassen Sie sofort die Stadt.“

Sie trank die Milch mit einem gierigen Schluck, steckte die Kekse in eine der Uniformtaschen, schnürte ihre Stiefel und kehrte dem Friseurladen den Rücken zu.

Es war ein grauer Morgen, trüb und traurig, wenige Menschen streiften mit gehetztem, ängstlichem Blick durch die Straßen. An allen Ecken patroullierten Militärstreifen. Manchesmal erbebte der Boden, als würden Panzer ganze Häuserblocks niederwalzen. Der Geruch von Feuer war allgegenwärtig.

Unter Tags zweifelte sie an ihrer Tarnung. Zwar war sie unter Brüdern aufgewachsen und hatte sich stets bemüht derern Gang zu imitieren, diese Erinnerung stieg unvermittelt aus dem Dunkel ihres Gedächtnises an die Oberfläche, aber nun fühlte sie sich zu ängstlich und allein. Sie versuchte selbstsicher zu marschieren ohne dabei Aufmerksamkeit zu erregen, kratzte sich, wenn sie es für nötig hielt im Schritt und zwang sich nicht bei jeder Gelegenheit ihr Spiegelbild in den Fenstern der toten Stadt zu betrachten. Sie wusste nicht wie sie die Kontrollstützpunkte umgehen sollte um hinaus aufs Land zu gelangen. Verstohlen beobachtete sie die marschierenden Soldaten und die gebückt huschenden Zivilisten.

Sie musste in eines der Zentren des öffentlichen Verkehrs, um hinauszugelangen, dessen war sie sich sicher. In den meisten Städten liegen Bahnhöfe eher ausserhalb des Stadtkerns. Gleichzeitig würden aber dort die Kontrollen am strengsten sein. Sie war zu müde um Pläne zu schmieden, zu verzweifelt um abzuwägen was richtig und was falsch sei. Niemand schenkte ihr - dem jungen Soldaten - Beachtung. Sie lies sich treiben, folgte Straßen deren Verlauf sie nicht kannte und gelangte nach stundenlangem Marsch tatsächlich zum Hauptbahnhof. Dort luden hunderte, vielleicht sogar tausende Soldaten schweres Kriegsgerät von den eintreffenden Zügen, schleppten Kisten mit Munition und Ausrüstung. Die militärische Ordnung die überall sonst herrschte, war hier einem regen, aber nicht immer planmäßigem Treiben gewichen. Sie nutzte die allgemeine Hektik um in einen der entladenen Güterzüge zu klettern. Ihre Angst hatte sich in Wahnwitz verwandelt.

„Was zum Teufel machst du hier, Junge?“ brüllte ein Soldat der den Waggon inspizierte und zwang sie auf die Beine. In diesem Moment wusste sie, sie würde sterben. Oder erst vergewaltigt werden und dann sterben. Mit vorgehaltener Maschinenpistole befahl er ihr, sich an die Wand zu stellen und wollte beginnen sie zu durchsuchen. „Bevor sie anfangen mich zu filzen, möchte ich gleich mal eines klarstellen“ keuchte sie „bei mir werden sie ein paar essentielle Teile nicht finden.“ „Was meinst du mit essentiellen Teilen, du kleiner Klugscheißer?“ keiffte der Soldat und lief vor Wut rot an. Spuckefäden verunstalteten seinen Schnauzbart. „ Ich hatte Hodenkrebs. Wenn sie mich also durchchecken, werden sie bemerken, dass mir da unten einiges fehlt. Verdammt, ich hatte eine Totalamputation. Wissen sie was es heißt, wenn der Spruch „Der hat keine Eier“ plötzlich auf einen zutrifft? Sie können mich gern hier und jetzt erschießen, weil ich nichts mehr hab, was mein Leben lebenswert macht. Ich bin ein schwanzloser Looser!“.

Der Soldat wurde bleich. Er ließ die MP sinken. Mitleid, auch Abscheu lag in seinem Blick, als er kehrtmachte...

seltsam, welche nächtlichen bilder das hirn manchmal ausspuckt. nach diesem traum griff ich vorsichtshalber zum fieberthermometer. heute bin ich mir fast sicher, ich habe damals unsere geschichten vermischt und auch ein stückchen für diesen sehr geschätzten menschen mitgeträumt.

privataudienz

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der pöbel unter sich

von welchem trottel
sprechen sie jetzt? jolene? dem rhesusäffchen?...
MoniqueChantalHuber - 16. Dez, 02:25
besser auf der zunge
als im gesicht. ich weiß wovon ich spreche. haben...
MoniqueChantalHuber - 16. Dez, 02:21
ah ja :) im "blöd...
ah ja :) im "blöd dreinschaun" raufen die beiden...
Judith123 - 16. Dez, 02:20
wenn ich den Ar........
wenn ich den Ar..... erwisch, der das Gerücht...
Judith123 - 16. Dez, 02:19
hab ich mir schon gedacht
dass der herr nitsch irgendwann in seiner jugend mal...
MoniqueChantalHuber - 16. Dez, 02:16
Frösche sind praktisch! Man...
Frösche sind praktisch! Man kann sie küssen...
Judith123 - 16. Dez, 02:12
natürlich
ich tippe mit meinem knebel. sehen sie, deshalb halt...
MoniqueChantalHuber - 16. Dez, 02:10
mhm - sie leicht auch? ganz...
mhm - sie leicht auch? ganz was anderes - die Wettervorschau...
Judith123 - 16. Dez, 02:06
sie
sitzen auch immer in zwangsjacke vorm computer?
MoniqueChantalHuber - 16. Dez, 02:02
ich will ja auch nicht...
ich will ja auch nicht fremdversorgt werden. Aber da...
Judith123 - 16. Dez, 02:00

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Zuletzt aktualisiert: 16. Dez, 03:11

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