seelenspiegel
„Manchmal“, sagt sie „schneide ich Zwiebel nur um weinen zu können.“ Ein Zigarettenstummel klebt an ihren rauen Lippen. Sie beugt sich über das Waschbecken, zieht den Lidstrich nach, bläst Rauch gegen den Spiegel.
Sie sieht ein bisschen so aus wie man sich Darstellerinnen in französischen Avantgardefilmen vorstellt. Das schwarze Haar trägt sie kurz. Wenn sie nachdenkt sieht man die die Furche, die quer über ihre Stirn verläuft. Meist wirkt sie ernst, ihr Lachen aufgesetzt. Wenn sie glücklich ist schreckt sie vor mir zurück, dabei ist sie in diesen seltenen Momenten sehr schön. Ihre Augen verändern sich dann, werden bunter.
"Rauchen lässt ihre Haut altern“ sagt sie und blickt auf ihre sehnigen Unterarme, dabei zieht sie die dünne Haut am Handrücken hoch, die Falten glätten sich nur langsam. „Als wär ich schwer dehydriert, obwohl ich drei Liter Wasser am Tag trinke, manchmal fünf. Aus Langeweile oder weil mich halbvolle Gläser nervös machen.“ Noch während sie spricht verdreht sie die Augen, fängt an ruckartig Luft zu schlucken, lässt sie dann lautstark wieder entweichen. „Nur Kumpel machen so was“ sagt sie und grinst verächtlich.
Sie räuspert sich, zieht Rotz in der Nase hoch, spuckt gelben Schleim in das Porzellanbecken. Die sämige Masse bahnt sich den Weg zum Abfluss. Sie steckt einen Finger in den Batzen, spinnt klebrige Fäden daraus. „Zähflüssiger Schmerz“ murmelt sie heiser und spült ihn mit warmem Wasser fort. „Was uns nicht umbringt macht uns nur härter. Und irgendwann bin ich dann so hart, dass ich mich in den Kurven des Lebens nicht mehr biege sondern breche.“ Sie zündet sich eine neue Zigarette an, steht eine Weile einfach nur still da.
Sie streicht über ihr Gesicht, betrachtet sich, dann hält sie inne, tastet nach dem Kajal der auf der kalkfleckigen Ablage liegt. Mit fahrigen Bewegungen malt sie einen Punkt genau zwischen die dunkel umrandeten Augen. „Bewusstsein ist ein Singular dessen Plural wir nicht kennen. Das hat ein Schrödinger gesagt, wahrscheinlich der mit der Katze und ich steh hier wie ein verdammter Affe.“ Sie greift nach einem Reinigungstuch, wischt damit über den Fleck, verschmiert Farbe überall auf der Stirn.
Ihre Hände gleiten über ihre Wangen. „Nur wenn man jemanden wirklich begehrt, dann berührt man ihn im Gesicht, streichelt seinen Nacken, zieht die Körperkonturen mit den Fingern nach. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob mich irgendwann mal jemand so angefasst hat.“ Asche fällt ins Waschbecken. „Sentimentale Scheiße!“ faucht sie plötzlich und wirft eine Zahnbürste nach mir. Wenn ich es könnte, ich würde sie umarmen, die Frau vor dem Spiegel.
MoniqueChantalHuber - 7. Apr, 05:04
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